Christlich fundierte Heilkunde – 1

16. April 2011   •   Kommentare deaktiviert für Christlich fundierte Heilkunde – 1   

Die Weltgesundheitsorganisation hat 1997 ihre bekannte Gesundheitsdefinition von 1948 um die spirituelle Dimension erweitert: „Gesundheit ist ein dynamischer Zustand vollständigen physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Wohlbefindens und nicht allein die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen.“ Sie ist damit den Forschungsergebnissen der letzten 30 Jahre gefolgt, die eine positiv gelebte Spiritualität als wichtigen Gesundheitsfaktor sowie als Hilfe in Krankheits- und Leiderfahrung herausstellen.

Christlich fundierte Heilkunde - 1Entsprechend finden sich heute an zahlreichen medizinischen Universitäten der USA Vorlesungen zum Thema „Spiritualität und Gesundheit“. Auch in Deutschland zeigen sich Umsetzungen der erweiterten WHO-Gesundheitsdefinition z.B. in der Palliativmedizin und der Hospizbewegung, in der die Bedeutung der spirituellen Dimension ausdrücklich benannt wird. Hier ist das Zusammenwirken von Pflege, Therapie und Medizin mit Seelsorge und gemeindlich-ehrenamtlichen Diensten bereits Realität.

Doch sollte dies nur Bedeutung haben für die letzte Lebensphase des Menschen? Sind es nicht ähnliche Grundthemen, die jeden schwerer erkrankten Menschen bewegen – und nicht zuletzt aus der Perspektive der Gesundheitsforschung jeden Menschen herausfordern?

Viele Leitbilder in Einrichtungen des Gesundheitswesens formulieren den Anspruch einer den ganzen Menschen umfassenden Pflege, Therapie und Medizin mit Worten wie: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt.“ Im Alltag scheint es jedoch schwer zu sein, dieses umfassende Krankheits- und Gesundheitsverständnis in unserem unter großem ökonomischen Druck stehenden Gesundheitswesen in die Praxis um zu setzen. Die Leitbild-Ergänzung: „Das christliche Menschenbild ist Grundlage unserer Arbeit.“ weist auf den kirchlichen Hintergrund einer Einrichtung hin. Gerade auch angesichts der großen Bedeutung von Diakonie und Caritas steht die Frage im Raum, was dies konkret bedeutet: behandeln und pflegen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes, heilkundlich arbeiten mit christlicher Fundierung?

Es hat fast hundert Jahre gedauert, bis die Psychosomatik in der Medizin als grundlegend wichtige Horizonterweiterung allgemein akzeptiert wurde. Der gegenwärtige Prozess einer nochmaligen Horizonterweiterung um die spirituelle Dimension wird ebenfalls Zeit benötigen. Er fordert die christlichen Kirchen zur Mitgestaltung heraus zu einem Zeitpunkt, wo diese weltweit den christlichen Heilungsauftrag wieder stärker thematisieren – und wo bereits fernöstlich-religiöse und esoterische Bewegungen begonnen haben, einen „spirituellen Heilungsmarkt“ zu etablieren.

In Erweiterung einer Definition der Psychosomatik (Bräutigam, Psychosomatische Medizin, 1992) beschäftigt sich die Spiritu-Psychosomatik mit den gegenseitigen Beziehungen von körperlichen, seelischen und spirituellen Vorgängen, die den Menschen in engem Zusammenhang mit seiner Umwelt, den Mitmenschen und der Transzendenz begreift. Spätestens bei der Frage nach der Transzendenz des Menschen betreten wir eindeutig weltanschaulich-religiösen Boden. Trotz mancher Gemeinsamkeiten weisen die Religionen gravierende Differenzen auf, die sich in konkret benennbaren, unterschiedlichen Menschenbildern äußern

Deshalb ist es nicht nur lauter sondern notwendig, in der Spiritu-Psychosomatik das der jeweiligen Heilkunde zugrunde liegende Menschenbild zu benennen – wie es in der Traditionellen Chinesischen Medizin (Daoismus), Ayurveda (Hinduismus) oder Anthroposophischen Medizin (Anthroposophie) auch getan wird. Es empfiehlt sich daher, eine auf dem christlichen Menschenbild basierende Spiritu-Psychosomatik als christlich fundierte Heilkunde zu benennen.

In der Öffentlichkeit jedenfalls werden die Möglichkeiten einer ganzheitlichen Heilkunde basierend auf dem christlichen Menschenbild noch zu wenig wahrgenommen. Wie ist es sonst zu erklären, dass z.B. zu dem Symposium „Menschenbild und Medizin“ (Einladung durch die Bundesärztekammer im Sept. 2004) Vertreter verschiedener Heilkunden angefragt wurden, u.a. der Anthroposophischen Medizin, Traditionell Chinesischen Medizin, Ayurveda und der Schulmedizin – aber nicht Vertreter einer christlich fundierten Heilkunde? Oder ist die Schulmedizin im „christlichen Abendland“ per se eine christliche Heilkunde?

Das deutsche Wort Heilkunde (lat. Medizin) weist in seiner tieferen Bedeutung bereits auf die Frage von Lebenserfüllung und Transzendenz hin: die Kunde vom Heil. Hierzu hat der christliche Glaube originär Wesentliches beizutragen.

Eine Heilkunde fasst unterschiedliche Heilmethoden zusammen, die auf dem Boden desselben Menschenbildes eingesetzt werden. In einer christlich fundierten Heilkunde arbeiten Mitarbeiter aus Pflege, Therapie und Medizin zusammen mit Mitarbeitern aus pastoralen, seelsorgerlichen und heilenden gemeindlichen Diensten. Eine christliche Heilkunde fördert dieses enge Zusammenwirken von Gesundheitswesen und Kirche, von Christen professioneller Gesundheitsberufe mit Mitarbeitern christlicher Gemeinden. Für die zunehmende Erfahrung von Begrenzung im etablierten Gesundheitswesen ist die Erweiterung um die spirituellen und psychosozialen Möglichkeiten christlicher Gemeinden eine große Chance im Sinne einer ganzheitlichen Hilfe für Kranke.

Körperliche Behandlungen, psychosoziale Hilfen und geistliche Heilungsprozesse wirken in einer christlich fundierten Heilkunde zusammen (s.Abb.) Dies geschieht in einer Atmosphäre der Glaubwürdigkeit, Annahme und Wertschätzung, Sensibilität und Freiheit. Hintergrunddienste wie Fürbitte-, Organisations-, Gestaltungs- und Versorgungsdienste tragen dazu bei, dass Menschen sich für Veränderungs- und Heilungsprozesse öffnen. Beispielhaft seien genannt: Raumgestaltung durch künstlerisch-kreative Elemente mit heilsamen (christlichen) Motiven, gastfreundliche Bewirtung, Auslage hilfreicher (christlicher) Literatur in Wartezonen…

Christlich fundierte Heilkunde – Teil 2

Christlich fundierte Heilkunde – wie lassen sich moderne pflegerische, therapeutische und medizinische Erkenntnisse verbinden mit dem kirchlichen Glaubens- und Erfahrungsreichtum?
von Dr. med. Georg Schiffner

Bild: © stock.xchng (SXC)

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